„Cool bleiben und Klappe halten“

Von Kornelius Fritz

 

Herr Weiler, meine Kinder sind zehn und acht Jahre alt. Seit ich Ihr Buch gelesen habe, habe ich ein bisschen Angst vor ihrer Pubertät. Wird es wirklich so schlimm?

(Lacht) Nein, es wird nicht schlimm, es wird nur anstrengend. Und Sie werden auf eine spezielle Art selbst dabei altern. Vielleicht ist das das eigentlich Schlimme daran.

Eben war man für seine Kinder noch der King, plötzlich finden sie einen nur noch peinlich. Was war für Sie der einschneidendste Moment, als Ihre Kinder in die Pubertät gekommen sind?

Am einschneidendsten sind die Momente, wenn die Kinder eigene Haltungen und Vorlieben entwickeln. Wenn sie sagen: Ab heute gibt’s für mich im Restaurant keine Kinderportion mehr oder ich entscheide selbst, dass die kaputte Hose super ist. Aber man sollte lieber ganz schnell aufhören, mit ihnen darüber zu diskutieren. Ich kann meinem Sohn zwar sagen, dass ich den deutschen Hip-Hop, den er hört, frauenverachtend und gewaltverherrlichend finde, aber damit schlage ich keinen Nagel in die Wand. Die Jungs finden das klasse und damit muss ich leben. Wir haben in unserer Jugend ja auch Dinge gehört und gemacht, die unsere Eltern nicht gut fanden. Und das gehört auch dazu: Wenn ich alles super fände, was mein Sohn macht, hätte er es ja viel schwerer, sich von seinem Ollen abzugrenzen.

Sind die Konflikte zwischen Eltern und ihren pubertierenden Kindern – abgesehen davon, dass es damals noch keine Smartphones gab – heute andere als in Ihrer Jugend?

Ich glaube, die haben sich seit der Antike nicht großartig verändert. Schon damals gab es den Vorwurf, die Jugend sei faul, träge und zu nichts zu gebrauchen. Das gilt noch immer: Ich habe bei meinen Kindern manchmal das Gefühl, dass ganze Hirnregionen nicht mitmachen im Alltag. Mein Sohn hat neulich zum Beispiel die Wäsche aus der Waschmaschine geholt und aufgehängt. Hinterher habe ich allerdings festgestellt: Es war die schmutzige Wäsche.

Sie schreiben in Ihrem Buch, die Kinder hätten heute keine Zeit mehr zu rebellieren, weil sie die ganze Zeit mit ihren Handys beschäftigt seien. Ziehen wir gerade eine Generation von unpolitischen Langweilern groß?

Könnte sein. Das ist die erste komplett digitalisierte Generation, und es gibt keine Erfahrungswerte mit Digitalisierung. Ich könnte mir vorstellen, dass die jungen Leute, die mit diesem wahnsinnigen Mechanismus von Unterhaltung, Zerstreuung und Aufschieberitis groß geworden sind, irgendwann Probleme bekommen werden. Letztlich kann ich ja sogar die Schulpflicht infrage stellen: Wenn ich alles auf dem Handy habe, warum soll ich dann noch lernen?

Haben Sie als Schüler denn gerne gelernt?

Das nicht, ich bin sogar mal sitzen geblieben, aber ich habe das System als solches nicht infrage gestellt. Das ist heute anders. Manchmal scheint es mir so, als würden wir gerade eine Generation von Trotteln heranziehen, die sich vom Leben das holen, was sie brauchen, aber keine Bereitschaft mehr zeigen müssen, der Gesellschaft irgendetwas zurückzugeben. Dazu passt auch die Abschaffung der Wehrpflicht: Früher waren junge Männer gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, ob sie den Wehrdienst leisten oder verweigern wollen. Der Zivildienst in einer sozialen Einrichtung konnte eine wertvolle Erfahrung sein. Das bleibt unseren Kindern heute erspart. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Ich finde, wir sollten ihnen eben nicht so viel ersparen.

Bei Kolumnen oder Büchern in Ichform glauben die Leser oft, der Autor schreibe eins zu eins nieder, was er selbst erlebt hat. Wie viel von dem, was Sie schreiben, beruht tatsächlich auf eigenen Erlebnissen?

Das wenigste. Manchmal sagen, machen oder erzählen meine Kinder etwas Lustiges, dann kann ich das natürlich gut gebrauchen. So wie neulich, als mein Sohn sonntagmorgens ganz versonnen in seinen Morgenmantel hineinroch und dann den Satz sagte: „Ich liebe den Geruch von Döner in meinem Morgenmantel.“ Aber das meiste muss ich mir selber ausdenken. Das sind ja Kunstfiguren in meinen Büchern. Wenn die Leute meinen, dass ich das alles selbst erlebt habe, ist das ein Kompliment, denn das bedeutet ja, dass es glaubwürdig ist. Aber bei uns passiert auch nicht mehr als in anderen Familien.

Sie haben aber tatsächlich eine Tochter und einen Sohn in der Pubertät. Wie kommen die damit klar, Hauptdarsteller in Ihren Bestsellern zu sein?

Das stört die überhaupt nicht, denn sie wissen ja, wie die Kolumne entsteht und dass sie nicht diese Figuren sind. Sie werden zwar öfter mal angesprochen, aber sie sagen dann immer: „Halt, nicht weiterreden. Wenn es um die Kolumne geht, müssen Sie das mit meinem Vater besprechen. Der denkt sich das aus.“

Das heißt, Sie müssen sich Ihre Texte auch nicht von der Familie freigeben lassen, wenn Sie persönliche Erlebnisse darin verarbeiten?

Das nicht, aber wenn ich einen Text fertig habe, drucke ich ihn immer aus und lege ihn auf den Esstisch. Da liegt er dann bis zum nächsten Mittag und wer ihn lesen will, kann ihn lesen. Aber wir sprechen fast nie darüber.

Auch andere Protagonisten in Ihrem Buch kommen nicht besonders gut weg, etwa die Lehrer der Kinder oder der diktatorische Elternsprecher. Hat sich da noch niemand aus Ihrem Umfeld wiedererkannt?

Nein, überhaupt nicht. Ich gebe mir immer große Mühe, die Sachen von meiner Lebenswirklichkeit möglichst weit weg zu erfinden – auch mich selbst. Der Erzähler in meinen Kolumnen ist deutlich ängstlicher und neurotischer als ich, aber das tut den Figuren gut, weil es dadurch lustiger und interessanter wird. Meine Geschichten sind immer verallgemeinerbar und nie bezogen auf ganz individuelle Schicksale. So eine Figur wie den furchtbaren Schulvereinsvorsitzenden gibt es ja an jeder Schule. Das sind so antagonistische Figuren, die man beim Schreiben braucht: Es muss immer einen Gegner geben, an dem man sich abarbeitet.

Kürzlich war das Pubertier auch im Kino zu sehen und dem ZDF diente es als Vorlage für eine Fernsehserie. Was ist das für ein Gefühl, wenn man das eigene Familienleben plötzlich auf der Kinoleinwand sieht?

Es ist ja nicht mein Familienleben, aber rein handwerklich ist es schon interessant, zu sehen, wie gehen andere Künstler mit meinem Werk um. Was finden sie wichtig? Was lassen sie weg? Was können sie gebrauchen und was nicht? Und vor allem: Wie sind die Figuren markiert? Diese Erzählerfigur hat ja schon Christian Ulmen in „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ gespielt, dann Jan Josef Liefers im Kinofilm „Das Pubertier“ und Pasquale Aleardi in der Fernsehserie. Und ich selbst spiele sie bei meinen Lesungen ja auch. Es ist schon interessant, wie unterschiedlich oder wie ähnlich sich diese Ausführungen sind. Aber ich meckere nicht an der Arbeit von anderen Leuten rum.

Haben Sie denn ein Mitspracherecht, was aus Ihrer Vorlage gemacht wird?

Beim Film habe ich selbst am Drehbuch mitgeschrieben, aber bei der Serie habe ich überhaupt nicht eingegriffen. Die waren immer so freundlich und haben mir Drehbücher und Exposés geschickt. Die habe ich auch mit Interesse gelesen, mich aber nicht eingebracht. Denn es bleibt ja das Werk anderer Leute und darin rumzuwurschteln, macht nur miese Laune bei allen. Da hält man sich lieber zurück, selbst wenn es schwerfällt.

Sie gehören zu den Autoren, die ausgedehnte Lesereisen machen und ihre Werke häufig vor Publikum präsentieren. Brauchen Sie den Kontakt zu den Lesern als Ausgleich zum Schreiben im stillen Kämmerlein?

Ja, total. Diese Schreiberei ist schon ein sehr einsames Geschäft und mir macht es unfassbar viel Spaß, aufzutreten. Ich betrachte es auch als Teil meines Berufs. Was ich mache, ist ja auch schon lange keine Lesung mehr im eigentlichen Sinne, sondern eine Mischform aus Comedyprogramm und Lesung. Da merke ich schnell: Was kommt bei den Leuten an und was nicht. Es ist für mich wichtig, das mitzubekommen.

Andere Eltern sehnen sich nach dem Ende der Pubertät ihrer Kinder. Ist es bei Ihnen umgekehrt und Sie hoffen, dass Ihre Kinder noch möglichst lange pubertieren, damit Ihnen der Stoff nicht ausgeht?

Ja, aber nicht aus beruflichen Gründen, sondern weil ich so ein sentimentaler Hund bin. Dieser Ablösungsprozess, der jetzt sehr deutlich losgeht bei meinen Kindern, ist schon schwer zu ertragen. Ich hätte das gerne noch ewig so, dass man zusammen in den Urlaub fährt, die Kinder sitzen hinten im Auto, und wenn man ankommt, ist alles wie immer. Aber das ist halt nicht mehr so: Die Kinder haben jetzt andere Interessen und wollen sich ausprobieren.

Ihre Bücher sind keine Ratgeber und Sie kein Pädagoge. Haben Sie trotzdem einen Tipp für alle Eltern, die mit ihren Pubertieren zu kämpfen haben?

Cool bleiben und Klappe halten! Es gibt Dinge, die die Kinder auch verstehen, ohne dass man sie stundenlang vollsülzt. Die meisten Eltern – ich übrigens auch – neigen dazu, so paternalistisch vor sich hinzuschwafeln. Aber damit erreicht man nichts. Man muss eine klare Haltung zeigen und kann ruhig sagen: „Es ist mir wichtig, dass du weißt, dass ich das nicht will.“ Aber das reicht. Man muss dem nicht noch ein viertelstündiges Spontanreferat folgen lassen.

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